Andacht

„Du siehst mich“ (1. Mose 16, 13)

Liebe Freundinnen und Freunde unserer Kirchengemeinden!

„Du siehst mich“ war das Motto des Kirchentages in Berlin und Wittenberg in diesem Jahr, kurz, knapp und einprägsam, ebenso wie das Smiley, das von den Plakaten lächelte…

„Du siehst mich“ – jede und jeder kann mit diesem Satz etwas anfangen. Wer das sagt, fühlt sich wahrgenommen, ernst genommen, nicht einfach übersehen. Vielleicht heißt „du siehst mich“ sogar, du nimmst Anteil, du weißt, wie es mir geht.

Was habe ich gesehen? war manchmal eine Frage in den Abendgebeten am Schluss eines Tages. Eindrücke wurden genannt, geteilt, es wurde deutlich, dass alle etwas anderes gesehen hatten…

Und darum stellt sich die Frage natĂĽrlich auch umgekehrt: wen oder was ĂĽbersehe ich?

Wer sind die, die immer ĂĽbersehen werden?

Welche Folgen hat es, wenn ich andere nicht wahrnehme, in der Nähe oder in der Ferne?

Du siehst mich“ hat in der Bibel Hagar gesagt, eine Sklavin, die auf der Flucht war und keine Perspektive mehr hatte. Hinter ihr lagen Abhängigkeit und Demütigung durch andere, vor allem durch Sarah und Abraham. Alle drei waren gefangen in der Fixierung, wie Lebenswünsche oder Verheißungen sich zu erfüllen hatten, aber Hagar als Abhängige war das schwächste Glied in der Kette. Als es unerträglich wird, flieht sie in die Wüste, allein als schwangere Frau in den sicheren Tod. Dem Engel Gottes kann sie die Frage, wohin sie will, nicht beantworten; sie kann nur sagen, wovon sie weg will….

Und der Engel löst die Situation nicht, es gibt kein Happy-End. Wenn sie nicht den Tod wählen will, muss sie das kaum erträgliche weiter ertragen. Allerdings mit einer anderen Perspektive: nämlich mit der Hoffnung, so soll es nicht bleiben. Deine Lage wird sich ändern, sagt der Engel, der Herr hat dein Elend erhört – du bist nicht, wie du glaubst, von allen übersehen und von Gott vergessen. Dein Sohn soll als freier Mensch leben… – es lohnt sich, mit deinem Kind auf diese Freiheit zu warten.

„Du siehst mich“ sagt Hagar zu Gott, ja sie sagt sogar: „Du bist ein Gott, der mich sieht“.

Hagar hat erfahren, dass sie angesehen ist. Das Wissen, dass Gott sie sieht, gibt ihr Kraft. Sie steht nicht mehr allein. Die Hoffnung auf die versprochene Freiheit macht ihr Mut. Und sie fasst ihre Erfahrung in Worte: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“

Es ist das erste Glaubensbekenntnis in der Bibel und es stammt von einer Frau, die gefangen war und auf der Flucht ist. Eine Oase in der Wüste bekam durch sie ihren Namen: „Brunnen des Lebendigen, der mich sieht“. In der Tat, Gott sieht sie und gibt ihr eine Stimme; ihre Erfahrung wurde über Jahrtausende weiter getragen bis hin zum Kirchentag 2017 in Berlin.

Wen sehen wir und wen übersehen wir? Vertrauen wir darauf, dass wie angesehen sind und wie bestimmt das unseren Blick, unser Handeln? Vor diese Fragen stellen uns das Kirchentagsmotto und die Geschichte von Hagar. Sie weiten unseren Blick, zeigen uns, dass auch wir gesehen werden, fordern uns heraus, die wahrzunehmen, die kein Ansehen haben. Die Veränderung von Lebensverhältnissen beginnt damit, bewusst zu sehen.

Herzlich GrĂĽĂźe, Ihre Stefanie Rieke-Kochsiek