Gedanken

Liebe Leserin, lieber Leser,

Der Herr gab zur Antwort: Ich will meine ganze Sch├Ânheit vor dir vor├╝berziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewahre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will. (2. Mose 33,19 ÔÇô Monatsspruch f├╝r Juli 2016)

Wie oft habe ich mir als Kind gew├╝nscht Gott zu sehen. Nicht auf Bildern, mit weisem langen Bart, wie man sie in manchen katholischen Kirche findet oder auch auf Kinderzeichnungen. Nein, Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Sehen, wie er aussieht.

Oder noch viel wichtiger: Sehen, wie er so ist. So als Ganzes. Sieht er eher aus wie ein m├Ąchtiger Herrscher mit einem strengen Blick, dessen pr├Ąchtiges Gewand mir allein den Atem raubt? Sieht er aus, wie eine treusorgende Mutter, die mit ihrem liebevollen Blick auf die ganze Welt schaut? Vielleicht sieht er ja sogar wie beides aus, so dass es uns Menschen sehr schwer fallen w├╝rde, Gott zu beschreiben.

Mit dem Wunsch Gott zu sehen bin ich nicht allein, schon die Bibel berichtet von einem, der Gott sehen wollte und dem dieses au├čergew├Âhnliche Erlebnis zuteilwurde: Mose. Aber selbst dieser gro├če Anf├╝hrer des Volkes Israel hat keine Chance, das Gesicht Gottes zu sehen. Zu herrlich, zu unvorstellbar, zu unbeschreiblich ist Gott. Ja: am Ende w├Ąre es sogar lebensgef├Ąhrlich, wenn Mose Gott in seiner ganzen Herrlichkeit sehen wurde, deshalb halt Gott seine Hand ├╝ber Mose, w├Ąhrend er an ihm vorbeigeht. Aber immerhin, Mose kann Gott ohne Gefahr hinterher sehen.

So direkt haben nur wenige Menschen Gott gesehen. Wenn man die Beschreibungen von Gottesbegegnungen in der Bibel anschaut, dann wird immer wieder klar, dass das Sehen von Gott oder von seiner Herrlichkeit oder seiner Offenbarung eine Erfahrung ist, die schwer zu beschreiben ist. (Bei Interesse empfehle ich die Thronwagenvision des Propheten Hesekiel in Hesekiel 1 zu lesen. Was der Prophet da beschreibt, klingt fast schon wahnsinnig und illustriert vielleicht ein wenig die ├ťberforderung des menschlichen Geistes, wenn es um Gott geht.) Selbst das Bisschen, was Mose da sehen konnte, sein Gott-hinterher-blicken, hat aber gereicht, um dem verzweifelnden Mose Zuversicht zu geben und das Volk Israel weiter zu f├╝hren. Ihm wurde die gro├če Gnade zuteil, Gott sehen zu d├╝rfen.

Und wie ist es mit uns? K├Ânnen wir heute noch Gott sehen, oder m├╝ssen wir uns ganz auf die biblischen Geschichten verlassen? Interessant ist doch, dass die Herrlichkeit Gottes an Mose vorbei zieht und er sie nicht sehen kann, sondern nur hinterher schauen kann. Wie Mose k├Ânnen wir Spuren Gottes entdecken und ihm so auch hinterher schauen.

Mose sieht vielleicht eine Staubwolke oder einen Glanz. Wir m├╝ssen da schon etwas genauer gucken, um Gottes Spuren zu sehen. Die Gnade Gott oder zumindest seine Spuren sehen zu d├╝rfen wird auch uns zuteil. Nat├╝rlich passiert das lange nicht so direkt wie bei Mose. Aber wenn wir uns wie Mose trauen die Augen zu ├Âffnen und aktiv nach den Spuren Gottes oder den Spuren seines Wirkens zu suchen, dann werden wir sie sehen. Je offener unsere Augen daf├╝r sind, wenn wir durch die Welt gehen, umso leichter wird es uns fallen sie zu sehen. Aus der anstrengenden Suche wird irgendwann die Freude, wenn uns wieder so eine Spur Gottes sprichw├Ârtlich vor die F├╝├če f├Ąllt:

Ohne Gott und sein Wirken hatten Sie nicht diesen Gemeindebrief in der Hand. Ohne Gott wurde uns manches gute Wort zur rechten Zeit fehlen. Ohne Gott wurden viele Menschen an der Situation dieser Welt oder an ihrer pers├Ânlichen Situation verzweifeln ÔÇô ohne jeden Grund zur Hoffnung. Spuren und seinem Segen sind ├╝berall zu entdecken, wir m├╝ssen uns nur trauen ihm hinterher zu schauen und die Worte des Monatsspruchs ernst nehmen:

ÔÇ×Ich gewahre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will.ÔÇť Das sagt Gott zu Mose, der es nicht glauben kann, dass Gott ihm Gnade und Erbarmen geschenkt hat. Ich f├╝r meinen Teil glaube, dass Gott uns allen Gnade gewahrt und uns Erbarmen schenkt. So kann ich ÔÇô und so k├Ânnen hoffentlich wir alle ÔÇô getrost in einen neuen Tag, in einen neuen Monat starten.

Amen.

Wolfgang Loest