Andacht

Liebe Leserin, lieber Leser,

Es ist vielleicht die unspektakulärste Stelle der Weihnachtsgeschichte nach Lukas. „Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.” So schnell sind sie also wieder weg, die Lichtboten Gottes. Der Gesang der Himmelsheere verklingt, und das Leuchten, das für einen Moment die düsteren und armseligen Verhaue ihres Hirtenalltags in himmlisches Licht getaucht hat – es ist schon wieder vorbei. Vielleicht hört man noch eines der Wachtfeuer knistern, das in der Dunkelheit glimmt, dann und wann das Blöken eines Schafes. Alles wie immer… Das war’s – die Engel sind wieder fort, und mit ihnen alle weihnachtliche Herrlichkeit.

War’s das? Nein! So überirdisch die Erfahrung der Engel auch war – die Hirten von Bethlehem wollen sich nicht damit begnügen. Sie beschließen, sich auf den Weg zu machen – um der Sache auf den Grund zu gehen. Das, was sie bisher – allem Engelsglanz zum Trotz – nur gehört haben: das wollen sie nun sehen. „Lasst uns gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen…“ In der hinreißend schönen Übertragung der Weihnachtsgeschichte ins Berlinerische lautet die Stelle (übrigens sehr treffend): „Komm, lass uns ma kieken jehn, ob det ooch wah is, wat die uns erzählt hab’m.“

Und darum geht’s. Herausfinden, ob das stimmt, was die Engel verkündet haben. Dass da in diesem Kind einer in die Welt gekommen ist, der der Heiland ist. Einer, der von Gott gekommen ist, um alles heil zu machen in den Geschichten der Menschen. Um das herauszufinden, müssen sich die Hirten auf ihre eigene Geschichte mit diesem Kind einlassen. Sie müssen sich aufmachen. „Komm, lass uns ma kieken jehn, ob det ooch wah is…“

Und ich glaube – so ist das mit Weihnachten bis heute. Wenn ich herausfinden will, ob Weihnachten mehr ist als ein paar Tage Festfreude und Lichterglanz – dann muss ich mich auf den Weg machen. Muss mich aufmachen, um in meinem Leben dem Gott zu begegnen, von dessen Ankunft in dieser Welt Weihnachten erzählt.

Vielleicht aufbrechen aus meinen allzu festen Ăśberzeugungen, wie das so ist mit mir und dieser Welt. Aufbrechen aus dem Glauben, dass mir ja noch nie etwas geschenkt wurde und das Leben sowieso nur ein Kampf ist. Mich aufmachen, aufbrechen – vielleicht auch zu Menschen, mit denen ich bisher nur wenig zu tun hatte und von denen ich bisher auch gar nicht so viel gehalten habe: weil die groĂźe Weihnachtsfreude immer da anbricht, wo Menschen sie miteinander teilen. Auch die Hirten in der Weihnachtsgeschichte des Lukas treffen ja am Ende das Christuskind nicht alleine an: Josef und Maria sind bei ihm. Und aus diesen FlĂĽchtlingen in der Notunterkunft mit ihrem Kind, und aus den rauhen Typen von den Schafherden, die es gewagt haben, sich aufzumachen – da wird die erste christliche Gemeinde, die sich um das Kind in der Krippe, um Christus als ihren Mittelpunkt versammelt.

Wer Weihnachten wirklich erleben will – wer erfahren will, dass das wahr ist, dass Gott sich ein für alle Mal zu uns Menschen stellt –, der muss sich aufmachen, um ihm – diesem Gott in Jesus – zu begegnen.Machen wir uns also auf an diesem Weihnachtsfest – auf zu ganz vertrauten Menschen und vielleicht auch zum ersten Mal zu uns noch fremden – um die Menschenfreundlichkeit Gottes unter uns zu erleben. Machen wir uns auf aus dem Trott und den festgefahrenen Meinungen, damit wir den, der mitten unter uns Mensch wird, erfahren.

Während ich diese Zeilen schreibe, kündigt sich auch für mich ein kleiner neuer Aufbruch an: Mit dem Beginn des neuen Jahres werde ich meine Aufgaben im Bereich der reformierten Gemeinde Detmold-Ost verlassen und einen neuen Dienst in der lutherischen Kirchengemeinde St. Nicolai in Lemgo antreten. Mit der Freude auf das Neue der Aufgabe und die Menschen, die mir dort in meiner neuen „halben“ Gemeinde begegnen werden, mischt sich für mich auch die Wehmut über den Abschied. Es waren gute acht Jahre in Detmold-Ost, die nun zu Ende gehen. Ich bin dankbar über die Offenheit, mit der ich, der Lutheraner, in der reformierten Gemeinde aufgenommen wurde. Gerne habe ich in der schönen Kirche am Markt gepredigt und mit der Gemeinde Gottesdienst gefeiert – und mindestens ebenso gerne in „meiner Brokhauser Gemeinde“ im Schützenhaus und im Feuerwehrgerätehaus. Ich weiß schon jetzt – das wird mir fehlen. Ich danke allen, die mich in den so unterschiedlichen Ortsteilen Herberhausen, Brokhausen und Barkhausen aufgenommen haben in ihre Häuser, die mir ihre Sorgen und Freuden anvertraut, mir ihre alten und neuen Geschichten erzählt haben. Es hat gut getan, mit Kirchenältesten, Ortsbürgermeistern und Verantwortlichen aus Vereinen gemeinsam daran zu arbeiten, dass unsere Orte für uns Heimat bleiben – Orte des sozialen Zusammenhalts für Alteingesessene und Neuzugezogene. Und ich wünsche allen, dass wir darin nicht nachlassen – dass wir uns im Gegenteil immer wieder aufmachen zu einem neuen Miteinander.

Da ich auf einer halben Stelle Pastor der lutherischen Gemeinde Detmold bleibe, müssen wir als Familie nicht umziehen. Und ich werde weiter Pastor der lutherischen Gemeindeglieder in Herberhausen und auch in Brokhausen und Barkhausen bleiben. So mache ich mich auf und sage zum Abschied doch nicht nur: „Gott behüte euch“. Sondern auch: „Bis bald – man sieht sich…!“

Frank Erichsmeier