Andacht

Aus dem Gemeindebrief  „Wort-Weise“ Juni 2020:

Die ganze Corona!

Liebe Leserin und lieber Leser,

in Corona-Zeiten ist es geradezu unmöglich, nicht über Corona zu sprechen. Also schreibe auch ich davon, und hoffe, Sie mit diesen Zeilen zu erreichen. Unter der Kontaktsperre und mit der eingeschränkten Bewegungsfreiheit ist der schriftliche Gruß des Pastors an seine Gemeinde noch nötiger als in den Phasen der allgemeinen Freizügigkeit. Auch wenn es nicht zur persönlichen Begegnung an den Haustüren kommt, so arbeiten doch etliche daran, dass mein Wort Sie erreicht.

In der Vergangenheit, als das Virus Covid-19 noch nicht alle Gespräche beherrschte und das öffentliche Leben lähmte, da spielte das Wort „Corona“ keine besondere Bedeutung. Erst recht war es nicht negativ aufgeladen als Ausdruck für schleichende, tödliche und unsichtbare Gefahr. Mancher katholische Christ mag davon gehört haben, dass es in der Heiligentradition tatsächlich eine „Heilige Corona“ gab. Ausgerechnet bei Seuchen soll man sie – in katholischer Tradition – anrufen dürfen. Ihre Reliquien liegen in Norditalien, derzeit von einem besonders strengen Besuchsverbot besonders isoliert.

Mein eigener Sprachschatz liefert ein anderes „Corona“-Beispiel: Wenn ich mich mit Freunden über alte Bekannte unterhalte, wenn ich an das Lehrerkollegium meines Gymnasiums denke, wenn wir uns erinnern an die Weggefährten im Jugendheim oder im Sportverein, dann fällt noch immer der Ausdruck „Die ganze Corona“. Gemeint ist durchaus nicht ein tödliches Virus, sondern das lebendige Gedenken an eine Reihe von geehrten, geachteten und geliebten Persönlichkeiten. Diese Corona bildet einen Kreis von Menschen, die wir vor unserem inneren Auge sehen. Sie sind alle dar und stehen für die schöne Reihe jener Wesen, mit denen wir gute und beste Erfahrungen teilen. Das Gespräch über die „ganze Corona“ ist manchmal mit Ehrfurcht, fast immer mit Humor gewürzt. Anekdoten aus diesem Kreis lassen einzelne Momente wieder lebendig werden.

Die wörtliche Nähe zwischen „Corona“ und „Krone“ liegt nahe. Doch ehe wir an den kostbaren Kopfschmuck denken, an das Gold und die Edelsteine der gekrönten Häupter, da bringe ich gerne nochmal diese andere Bedeutung ins Spiel: Den Kreis von vorbildlichen Menschen, die als Krone mich umgeben. Nur in diesem Sinne ist die Zeile eines alten Kirchenliedes verstehbar: „Was in der Welt an Auserwählten war, seh ich: Sie sind die Kron´, die Christus mir, der Herre, entgegen hat gesandt, da ich noch war so ferne in meinem Tränenland.“ eg 150,4. Ein tröstlicher Gedanke: Nicht allein zu sein, und nicht alleine bleiben in den Niederungen der Angst. Eine solche Krone symbolisiert den Glaubenssatz: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Und ich ergänze: Das gilt auch in diesen speziellen Corona-Zeiten.

Von einer ganz anderen Krone wäre da auch noch zu reden. Jesus selbst hat sie getragen: Die Dornen-Krone. In der Passionsgeschichte wird sie erwähnt: Mit Spott und Hohn wird Gottes Sohn überschüttet. Die Werte dieser Welt werden auf den Kopf gestellt, und ihm auf den Kopf setzt man die Krone aus Dornen.

Ich ahne, dass viele Menschen unsere Gegenwart so empfinden, als würde das Schicksal ihnen ebenfalls eine Dornen-Krone aufs Haupt drücken: Zusätzlich zu etlichen anderen Hemmnissen haben sie mit der Einsamkeit zu kämpfen, mit der Angst vor Ansteckung, oder gar mit dem Virus selber. Die Situation in den Pflegeheimen ist aufs äußerste gespannt. Und in jenen Ländern, wo kein Gesundheitssystem besteht wie in Deutschland, da geht mit der Infektion gleich die Lebensgefahr einher. Wer weiß, wie stark Corona Covid-19 dann einer Dornen-Krone ähnelt? Immerhin werden wir auch dort bekennen können, dass Jesus Christus die Nähe zu den Leidenden sucht und ihnen Erleichterung verheißt. Am Ende, so sagt es unser Herr, wird auch diese Geißel weg müssen. Am Ende wartet eine andere Krone. Jesus hält sie uns vor Augen:

Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Offenbarung 2,10

Sie zu erlangen wollen wir nicht mĂĽde werden. Unser Einsatz ist gefragt zu allen Zeiten, darum auch in der Krise von Corona.

Herzlichst Ihr Burkhard Krebber