Andacht

Aus dem Gemeindebrief  „Wort-Weise“ Oktober 2020:

Gott spricht: Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten.
(Jeremia 31,9)

Wie viele Tränen haben Sie in diesem Jahr schon vergossen? Können Sie sie noch zählen oder waren es eigentlich doch gar nicht so viele? Ich kann mir vorstellen, dass in diesem Jahr insgesamt  mehr Tränen geflossen sind als sonst. Es war ja auch in diesem Jahr vieles so ganz anders als sonst – wegen Corona. Wochenlang mussten wir uns völlig zurückziehen und waren angehalten,  unsere Liebsten nicht zu besuchen, um sie nicht möglicherweise unbewusst anzustecken. Wer für diese Zeit ein großes Fest geplant hatte, musste das absagen. Wer in dieser Zeit im  Krankenhaus lag, war dort ganz allein und durfte keinen Besuch empfangen. Wer sich in dieser Zeit von einem geliebten Menschen verabschieden musste, konnte gar nicht richtig Abschied  nehmen. Krankenhäuser und Altenheime waren für Angehörige geschlossen und Trauerfeiern durften nur im kleinsten Kreis und nur unter freiem Himmel stattfinden. Viele Tränen sind in dieser  Zeit geflossen. Und jetzt? Viele Einschränkungen unseres Alltags wurden aufgehoben oder gelockert. Vieles ist wieder möglich, wenn auch mit Einschränkungen. Aber die Wunden und die Ängste  bleiben doch. Noch immer ist Vieles nicht verarbeitet und schmerzt so mancher Abschied, der doch eigentlich keiner war. Noch immer fließen viele Tränen. Und dann im November, zum Ende des  Kirchenjahres werden sie wieder fließen. Wenn wir uns am Ewigkeitssonntag in den Kirchen, Kapellen und auf den Friedhöfen mit Abstand versammeln, wird so manche Wunde wieder  aufgerissen. Denn die Abschiede lassen sich dort eben auch nicht wiederholen. Aber immerhin kann man dort wieder ein bisschen Gemeinschaft erleben. In den Gedenkgottesdiensten zu sehen,  zu hören, zu erleben, dass man nicht als einziger durch eine solch schwierige Abschiedssituation musste, kann schon helfen. Gemeinsam geweinte Tränen, statt einsam geweinter Tränen. Ich  stelle mir vor, dass es in den Gottesdiensten in diesen Tagen und auf den Friedhöfen ein bisschen so sein kann, wie es der Monatsspruch für den November beschreibt: „Sie werden weinend  kommen, aber ich will sie trösten und leiten.“ Gott richtet diese Worte an sein Volk Israel. Nicht irgendwann und irgendwo und schon gar nicht an irgendwen. Sein Volk hat eine schwere Zeit  hinter sich: Krieg, Flucht und Vertreibung  iegen hinter den Menschen. Und nun, nachdem alles vorbei ist, kehrt das Volk Israel zurück in seine Heimat. In dieser Situation, auf dem Rückweg in  die Heimat, spricht Gott sein Volk an. Er spricht besonders zu den Kranken und Schwachen, den Schwangeren, den Alten, den Traurigen, den Hilfsbedürftigen. Ihnen sagt Gott zu, dass er da ist,  dass er sie leitet, sie begleitet. Denn das bedeutet Trost: Begleitung. Schwere Wege nicht allein zu gehen, sondern jemanden an seiner Seite zu wissen – sichtbar oder unsichtbar. Die Situation  damals und heute ist sicherlich nur schwer vergleichbar. Aber in einem Punkt vielleicht doch: Gottes Zuwendung zu uns Menschen hat sich nicht verändert. Er sieht uns! Wenn wir weinend zu ihm kommen, dann tröstet und leitet, dann begleitet er uns. Und wir dürfen immer zu ihm kommen. Denn er hat mit uns einen Bund geschlossen, an den uns auch der Regenbogen immer wieder erinnert: als ein Zeichen der Hoffnung. Jesus Christus drückt das so aus: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“(Mt 28,20)

Mareike Lesemann

Aus dem Gemeindebrief  „Wort-Weise“ Juni 2020:

Die ganze Corona!

Liebe Leserin und lieber Leser,

in Corona-Zeiten ist es geradezu unmöglich, nicht über Corona zu sprechen. Also schreibe auch ich davon, und hoffe, Sie mit diesen Zeilen zu erreichen. Unter der Kontaktsperre und mit der eingeschränkten Bewegungsfreiheit ist der schriftliche Gruß des Pastors an seine Gemeinde noch nötiger als in den Phasen der allgemeinen Freizügigkeit. Auch wenn es nicht zur persönlichen Begegnung an den Haustüren kommt, so arbeiten doch etliche daran, dass mein Wort Sie erreicht.

In der Vergangenheit, als das Virus Covid-19 noch nicht alle Gespräche beherrschte und das öffentliche Leben lähmte, da spielte das Wort „Corona“ keine besondere Bedeutung. Erst recht war es nicht negativ aufgeladen als Ausdruck für schleichende, tödliche und unsichtbare Gefahr. Mancher katholische Christ mag davon gehört haben, dass es in der Heiligentradition tatsächlich eine „Heilige Corona“ gab. Ausgerechnet bei Seuchen soll man sie – in katholischer Tradition – anrufen dürfen. Ihre Reliquien liegen in Norditalien, derzeit von einem besonders strengen Besuchsverbot besonders isoliert.

Mein eigener Sprachschatz liefert ein anderes „Corona“-Beispiel: Wenn ich mich mit Freunden über alte Bekannte unterhalte, wenn ich an das Lehrerkollegium meines Gymnasiums denke, wenn wir uns erinnern an die Weggefährten im Jugendheim oder im Sportverein, dann fällt noch immer der Ausdruck „Die ganze Corona“. Gemeint ist durchaus nicht ein tödliches Virus, sondern das lebendige Gedenken an eine Reihe von geehrten, geachteten und geliebten Persönlichkeiten. Diese Corona bildet einen Kreis von Menschen, die wir vor unserem inneren Auge sehen. Sie sind alle da und stehen für die schöne Reihe jener Wesen, mit denen wir gute und beste Erfahrungen teilen. Das Gespräch über die „ganze Corona“ ist manchmal mit Ehrfurcht, fast immer mit Humor gewürzt. Anekdoten aus diesem Kreis lassen einzelne Momente wieder lebendig werden.

Die wörtliche Nähe zwischen „Corona“ und „Krone“ liegt nahe. Doch ehe wir an den kostbaren Kopfschmuck denken, an das Gold und die Edelsteine der gekrönten Häupter, da bringe ich gerne nochmal diese andere Bedeutung ins Spiel: Den Kreis von vorbildlichen Menschen, die als Krone mich umgeben. Nur in diesem Sinne ist die Zeile eines alten Kirchenliedes verstehbar: „Was in der Welt an Auserwählten war, seh ich: Sie sind die Kron´, die Christus mir, der Herre, entgegen hat gesandt, da ich noch war so ferne in meinem Tränenland.“ eg 150,4. Ein tröstlicher Gedanke: Nicht allein zu sein, und nicht alleine bleiben in den Niederungen der Angst. Eine solche Krone symbolisiert den Glaubenssatz: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Und ich ergänze: Das gilt auch in diesen speziellen Corona-Zeiten.

Von einer ganz anderen Krone wäre da auch noch zu reden. Jesus selbst hat sie getragen: Die Dornen-Krone. In der Passionsgeschichte wird sie erwähnt: Mit Spott und Hohn wird Gottes Sohn überschüttet. Die Werte dieser Welt werden auf den Kopf gestellt, und ihm auf den Kopf setzt man die Krone aus Dornen.

Ich ahne, dass viele Menschen unsere Gegenwart so empfinden, als würde das Schicksal ihnen ebenfalls eine Dornen-Krone aufs Haupt drücken: Zusätzlich zu etlichen anderen Hemmnissen haben sie mit der Einsamkeit zu kämpfen, mit der Angst vor Ansteckung, oder gar mit dem Virus selber. Die Situation in den Pflegeheimen ist aufs äußerste gespannt. Und in jenen Ländern, wo kein Gesundheitssystem besteht wie in Deutschland, da geht mit der Infektion gleich die Lebensgefahr einher. Wer weiß, wie stark Corona Covid-19 dann einer Dornen-Krone ähnelt? Immerhin werden wir auch dort bekennen können, dass Jesus Christus die Nähe zu den Leidenden sucht und ihnen Erleichterung verheißt. Am Ende, so sagt es unser Herr, wird auch diese Geißel weg müssen. Am Ende wartet eine andere Krone. Jesus hält sie uns vor Augen:

Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Offenbarung 2,10

Sie zu erlangen wollen wir nicht mĂĽde werden. Unser Einsatz ist gefragt zu allen Zeiten, darum auch in der Krise von Corona.

Herzlichst Ihr Burkhard Krebber