Andacht

„Der Himmel geht über allen auf…“
Sommer! Bei einer Pause auf einer Wanderung liege ich auf einer Wiese und schaue in den Himmel. Wie weit er sich über die Erde spannt. Ich schaue den Wolken nach, die der Wind über den Himmel treibt und die dabei immer wieder neue Formen annehmen.
Meine Augen verfolgen ein Flugzeug, das am Himmel entlang zieht. Ich habe gelesen, dass ich ihm bei freier Sicht nicht einmal über eine Strecke von 100 Kilometer nachblicken kann, bevor es wieder aus meinem Blickwinkel verschwindet. Dabei scheint mir schon der kleine Ausschnitt des Himmels, den meine Augen wahrnehmen können von unendlicher Weite zu sein.
Diese Weite lässt mich staunen. Sie wahrzunehmen hilft mir, den Alltag hinter mir zu lassen. Für eine begrenzte Zeit tausche ich meinen Arbeitsplatz gegen Himmel, Licht und Weite. Egal, wo ich mich befinde, der Himmel ist da. Aber er ist nicht nur für mich da, sondern für alle Menschen. Egal wo ich mich auf dieser Erde befinde, ich sehe ein kleines Stück desselben Himmels. Der Himmel steht für die Größe, Offenheit und die Weite Gottes, die unsere Vorstellungen von Raum und Zeit sprengt.
Mir kommt ein Lied in den Sinn:
„Der Himmel geht über allen auf…“
Als Kind auf dem Frankfurter Kirchentag 1975 habe ich es zum ersten Mal gesungen. Es war Teil eines Oratoriums von Peter Janssens. Etliche nahmen damals Anstoß daran: „Der Fall Maria“. Heute steht das Lied im Gesangbuch und wir singen es ganz selbstverständlich. Und es scheint sich so leicht und locker daherzusingen. „Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf….“
Dabei steckt so viel drin im Sprachspiel dieses Liedes. Der Himmel ist nicht nur der unendliche Raum über uns. Der Himmel steht für den Ort, an dem Gott zu Hause ist. Und er ist damit zugleich etwas radikal anderes als das, was wir sehen, wenn wir in den Himmel schauen. Der Himmel ist Bild für Gottes Gegenwart.
„Der Himmel geht über allen auf…“
Das ist eine Verheißung. Der Himmel – Gottes Gegenwart – wird auch über denen aufgehen, die das Gefühl haben, dass ihnen der Himmel verschlossen bleibt. Er wird aufgehen über denen, die Leid zu tragen haben, die in Traurigkeit gefangen sind. Das Lied erzählt von unserer Hoffnung, dass diese Erfahrungen nicht das letzte Wort haben werden, sondern der Himmel offensteht, Gott uns entgegenkommt. Seine Gegenwart verwandelt schon jetzt unser Leben.
„Der Himmel geht über allen auf.“
Das bedeutet aber auch: Er geht auf über den Gerechten und Ungerechten, über den Frommen und den Gottlosen.
Und wenn der Himmel über ihnen aufgeht, sollen sie nicht bleiben, wie sie sind. „Der Himmel geht über allen auf, auf alle über…“ Das heißt doch: Der Himmel breitet sich aus. Und die Gegenwart Gottes verwandelt diese Welt. Wo der Himmel ist, da werden Menschen haben, was sie zum Leben brauchen. Wo der Himmel ist, da werden Menschen nicht mehr auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken und in der Wüste verdursten.
In dem biblischen Wort, das Monatsspruchfür August ist, fordert Jesus seine Jünger auf – und damit uns – den Menschen von diesem Himmel zu erzählen, mit Worten und mit Taten:
„Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe.“