Andacht

„Ich will nur schon mal ankündigen…“
Dienstags in der dritten Stunde ist Religion in der 6. Klasse. Ich bin am Anfang meines Schulvikariats und sitze auf einem Stuhl hinten in der Klasse, während mein Schulmentor vorne unterrichtet. Es geht um König David. Ein Junge meldet sich. Er ist zart, etwas kleiner als die anderen. Braune Locken, ein kariertes Hemd, Jeans. Einen ordentlichen Schulranzen und in Folie eingebundene Hefte und Bücher. Er fällt auf unter den anderen. In der kurzen Zeit, die ich da bin, habe ich noch nie erlebt, dass er sich gemeldet hat. Aber jetzt zeigt er auf. Als er aufgerufen wird, ist es still in der Klasse. Er spricht leise. „Ich will nur schon mal ankündigen, dass ich gleich weinen muss.“ Und dann fließen auch schon die ersten Tränen. „Willst du uns sagen, was dir Kummer macht?“, fragt mein Mentor. Der
Junge schüttelt den Kopf. „Das sind hier zu viele.“ „Möchtest du rausgehen?“ Er nickt. Ich gehe mit ihm vor die Tür. Dort erzählt er mir schluchzend, dass ein Junge im Freibad ertrunken ist. „Das stand sogar in der Zeitung. Der Junge war aus meinem Dorf und ich kannte ihn. Ich kann gar nicht glauben, dass er jetzt tot ist!“ Er weint noch eine Weile, dann putzt er sich mit dem Ärmel das Gesicht ab und sagt: „Ich glaube, jetzt ist es wieder gut. Wir können wieder reingehen.“ Entschlossen geht er zurück in die Klasse und ich folge ihm.

„Ich will nur schon mal ankündigen, dass ich gleich weinen muss.“ Was für ein mutiger Satz in dieser lauten und wilden Klasse, in der er unter den Jungs der Kleinste ist! Was für eine innere Größe, inmitten der so stark und unangreifbar Scheinenden die eigene  Verletzlichkeit einzugestehen! Und wie berührend, das Weinen anzukündigen. So, als wüsste er um die Fremdheit von Tränen in diesem Klassenraum, in dem Gefühle sorgfältig hinter Fassaden aus großen Worten, lässigen Klamotten und gespielter Gleichgültigkeit versteckt werden.

„Ich will nur schon mal ankündigen…“ Fast scheint es, als würde hier noch einmal der zarte Hirtenjunge David gegen den übermächtigen Riesen Goliath kämpfen. Ach ja, König David… Um den geht es ja an diesem Dienstag in der dritten Stunde. Während die Klasse sich mit den Stationen seines bewegten Lebens beschäftigt, wächst die Sympathie für diesen besonderen König sichtbar und hörbar: „Cooler Typ!! – „Der hat ja nichts ausgelassen“ – „Hatte der etwa was mit Jonathan??“ – Und dann kehrt nach bewegten Zeiten endlich Ruhe ein in Davids Leben. Er ist König und wohnt in einem Palast aus Zedernholz. Er schreitet durch seinen Thronsaal. Ein gutes Gefühl – und dennoch: Etwas stimmt nicht. Das kann doch nicht sein, dass er, David, in einem prächtigen Palast wohnt, während die Lade Gottes von einer staubigen Zeltplane bedeckt ist! Ein kühner Gedanke formt sich in Davids Kopf: Gott braucht ein Haus! Gott braucht einen festen Ort, an dem Menschen ihm begegnen können. Ein Haus, das fest steht und sicher ist, anders als das alte Zelt, das Wind und Wetter schutzlos ausgesetzt ist. Aber Gott sieht das anders:
„Habe ich doch in keinem Hause gewohnt seit dem Tag, an dem ich die Israeliten aus Ägypten führte“. Wie hätte er auch? Ist er doch den ganzen Weg durch die Wüste mit seinem Volk gegangen, durch heiße Tage und kalte Nächte, unter der Sonne und den Sternen. Der Ewige ist vor einem Volk hergegangen um es zu schützen und hinter ihm, um ihm den Rücken zu stärken. Warum also sollte er in einem Haus wohnen?
Und doch wird es ein Haus geben. Davids Sohn soll es bauen. Weil wir Menschen es brauchen. Den Schutz und die Sicherheit fester Mauern. Die Zeichen und Symbole Jahrhunderte alten Glaubens. Den Geruch eines alten  Gemäuers. Die Ruhe und den Frieden von Kirchen und Kathedralen. Uns zuliebe lässt Gott sich ein Haus bauen.
Doch an diesem Dienstag in der dritten Stunde, als der zarte Junge ankündigt, dass er gleich weinen muss, da höre ich eine andere Ankündigung. Gott kündigt etwas an, durch den Mund des Sehers Johannes. Eine Ankündigung für das Ende der Zeit: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde .. . Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron aus, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen sein, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein.“ (Offb 21)
Am Ende wohnt Gott so, wie er ganz am Anfang wohnte: In einer HĂĽtte, einem Zelt. Ganz nah bei uns Menschen.
Bei denen, die traurig sind. Bei denen, die Leid tragen und Schmerzen haben. Bei denen, die weinen. Er kĂĽndigt das schon mal an. Nur, damit wir es wissen.

Als der Junge zurück in die Klasse geht, ist es still. Keiner lacht, keiner macht eine dumme Bemerkung. Aufrecht und ohne ein Wort geht er an seinen Platz zurück und setzt sich hin. Etwas hat sich verändert. „Siehe, ich mache alles neu!“ – Ich will es nur schon mal ankündigen.
Dörte Vollmer