Andacht

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor 50 Jahren wurden die Remmighauser Friedenskirche und die Versöhnungskirche am Hiddeser Berg gebaut. Beide Kirchen sind Neubauten – Sichtbeton. Man wollte nicht verstecken, dass hier ganz neu angefangen wurde. Beide Kirchen laden Menschen ein, um Gottes Wort zu hören. Beide erzählen als Gebäude von dem, an den wir glauben.

Die Friedenskirche ĂĽberrascht mich immer wieder mit ihrer quadratischen Grundform. Neben dem Kreis ist das Quadrat eine Idealform. Kirche ist ein Ideal, sagt dieser Raum. Aber welches Ideal? Ein Detail macht mir deutlich, dass es beim Ideal in der Kirche nicht um Perfektion geht. Die Balken, die die Decke tragen, sind sichtbar. Sie bilden ĂĽber der Gemeinde ein Kreuz. Wenn Kirche ideal ist, dann ist es eine Gemeinschaft unter dem Kreuz. Eine Gemeinschaft, die von dem lebt, was das Kreuz sagt: Dir ist vergeben. Und die das zu leben versucht, indem die Menschen, die sich hier treffen, tragen und ertragen mit ihren Fehler und Eigenheiten.

Und darin, dass wir mit all unseren Verletzlichkeiten unter dem Zeichen Jesu und all seiner Verletzlichkeit sitzen. Als Verletzliche Menschen sind wir bei ihm gut aufgehoben. Er weiĂź um uns und liebt uns. Wer geliebt ist, ist ideal. Ihr und ihm fehlt in den Augen des Liebenden nichts.

Die Versöhnungskirche bringt ein anderes Element zum Tragen. Wie ein Zelt erhebt sie sich, Licht fällt von oben, auf großer Höhe herein. Das Auge wird eingefangen durch vier hebräische Buchstaben, die den Gottesnamen  abbilden. Diese vier für uns unlesbaren Buchstaben kennzeichnen den Namen Gottes im Alten Testament.

Gott hat einen Namen. Ich kann ihn ansprechen. Gott hat sich einen Namen gemacht, als Befreier und als Schöpfer, als Tröster und als Vollender.

Und ich kann ihn dabei behaften, vor ihm klagen und schreien über alles was der Schöpfung und meinem Leben an Freiheit und Güte fehlt. Und ich kann ihn loben, über allem, was gelingt und von ihm erzählt.

Die vier Buchstaben sind in unserem Alphabet JHWH. Immer noch ist das unaussprechlich, weil die Vokale fehlen. Versucht man es ohne Vokale zu sprechen, so wird ein Stöhnen oder Luftgeräusch daraus. Das also hat Gott zu seinem Namen gemacht: alles Stöhnen der Menschen, mein Scheitern und meine Lust; die Schreie aus den Folterkammern; den letzten Atemhauch aus Sterbebetten. Den ersten Atemzug und all die alltäglichen, die ich kaum wahrnehme. All das steckt im Namen Gottes. Und er sagt damit: Ich bin der Gott der Menschen, dein Gott. Es gibt kein Stöhnen, kein Schreien, kein Atmen und kein Seufzen, das ohne Gott ist.

Um den Namen Gottes herum sind an der Wand der Kirche Übersetzungen dieses Namens zu finden: Ich bin da!, lautet eine davon. Und: Ich werde da ein. Der Name ist ein Versprechen. Sein letztes Detail. Wer sich umwendet, um dann wieder zu gehen – nach Predigt und Abendmahl, Taufe und Singen, der sieht, dass er im Rücken umgeben gewesen ist von hohen Betonplatten, durchbrochen und zugleich so gesetzt, dass sie trotzdem wie eine Wand wirken. Vielleicht deutet sich an – da wo dieser Name wohnt, da wo Gott ist, finde ich Schutz, Raum zum Atemholen.

Seien Sie gegrüßt – mit der Botschaft vom Geliebtsein aus der Friedenskirche und der Botschaft, dass kein Atemzug vergeblich ist vor Gott aus der Versöhnungskirche.

Maik Fleck