Vis á vis: Theater und Kirche wieder im Gespräch

„Der Wildschütz“ war Thema im Gottesdienst in der Erlöserkirche am Markt

Detmold. Der Theater-Betrieb ruht noch, Gottesdienste werden seit einigen Wochen wieder gefeiert – unter Schutzmaßnahmen. Die Reihe der „Vis-à-vis“. Abends ins Theater – morgens in die Kirche“ wurde zu Pfingsten fortgesetzt: In der evangelisch-reformierten Erlöserkirche am Markt ging es um die Oper „Der Wildschütz“ von Albert Lortzing.

Eigentlich stünde die Oper aktuell auf dem Spielplan des Detmolder Landestheaters. Landestheater-Dramaturgin Elisabeth Wirtz war mit Simone Krampe in der Kirche dabei – die Sopranistin intonierte auch stellvertretend für die Gemeinde mit Christian Reinschmidt an der Orgel Pfingstchoräle.

Kongenial begleitet von Pianist Youngtae Park verzauberte Simone Krampe die Gottesdienstbesucher mit der Arie der Baronin „Aus des Lebens raschen Wogen“ des ersten Opernaktes, in der die Baronin ihren „Witwenstand“ lobt.

Pfarrer Burkhard Krebber begrüßte die Gottesdienstbesucher mit dem Hilfeschrei „I can‘t breathe“ (Ich kann nicht atmen) des Afroamerikaners George Floyd, der von einem weißen Polizisten in Minneapolis mit dem Knie auf der Kehle erstickt wurde. Pfarrer Krebber ging in seiner Pfingstpredigt weiter auf das Thema Atemluft ein: Corona-Opfer kämpften mit Atembeschwerden und die Pandemie nehme die Luft zum Atmen, indem sie wirtschaftliche Grundlagen und persönliche Freiheiten einschränke.

Im Bereich der Kunst würden passend zu Pfingsten zwei Musiker des Landestheaters das künstlerische Schweigen brechen. Pfingsten gebe neuen Lebensatem und eine frische Brise: „Wir feiern den Geist, der von Gott kommt und uns stärkt; wir feiern die Geburtsstunde der Kirche mit einem himmlischen Wind, der uns aufatmen lässt.“

Elisabeth Wirtz betonte, dass das Theater neben der Kirche der Ort sei, wo intensiv über Grundbedürfnisse und den Sinn des Lebens nachgedacht werde. Lachen und Weinen, Streiten und Lieben benötigten Atem. „Wir dürfen im Moment nicht mehr atmen. Das ist eine gefährliche Situation fürs Theaterleben.“ Die Oper „Der Wildschütz“ handle als Verkleidungs- und Verwechslungskomödie von Menschen, die ihre Grundwerte verloren hätten. „Jeder will etwas anderes sein, als er ist. Die Oper stellt humorvoll die ethische Frage nach der wahren Liebe und dem, was richtig und falsch ist. Sie bietet einen Freiraum, auszudiskutieren, was im Leben wichtig und für den Menschen systemrelevant ist, ohne dass ein bewaffneter Ordnungshüter einem am Hals sitzt und die Luft zum Atmen nimmt.“ Daher müsse man gerade in Krisenzeiten am Spielort Theater festhalten.

Albert Lortzing (1801-1851) lebte in der Umbruchzeit des Vormärz, die viele traditionelle Werte in Frage stellte. Von 1826-1833 gehörte das junge Berliner Ehepaar Lortzing dem Hoftheater in Detmold an.